Zweites Kapitel
Eine neue Bekanntschaft

 

   Da kam das Boot auch schon um den Felsvorsprung herum. Andreas Augen wurden groß vor Staunen. Es war ein Hausboot, aber was für eins! Nicht einer der typischen weißblauen Kästen, die man achtzig Kilometer den See hinauf bei Joey´s Marina mieten konnte, dieses hier war ganz offensichtlich Marke Eigenbau. Eine Plattform auf Ölfässern, darauf eine urige Holzhütte mit Zedernschindeln auf dem Dach und einem hölzernen Weidezaun als Reling.
   Wow! Wem diese schwimmende Blockhütte wohl gehören mochte? Gesehen hatte Andrea das Ding noch nie zuvor. Aber sie kannte auch noch nicht alle Einwohner und jeden Winkel des Eagle Creek Valley.
   Vom Hüttenboot wehte Musik herüber. Es klang südamerikanisch oder so. Schade, dass auf dem Boot niemand zu sehen war. Andrea hätte den oder die Besitzer gern kennen gelernt. Wer immer dieses Boot gezimmert hatte musste ein interessanter Typ sein.
   Als dann auf dem Boot ein Geräusch zu hören war und einen Moment später ein junger Mann an Deck erschien, bekam Andrea vor Freude Herzklopfen.

 

   Craig Henderson, der Schwarm aller Girls von Eagle Creek! Ihm gehörte also dieses urige Hausboot.
   Aufgeregt beobachtete sie das näherkommende Boot. Würde Craig sie bemerken und bei ihr am Dock anlegen?
   Craig war Tracys älterer Bruder. Die Henderson-Geschwister waren mit die ersten Kids gewesen, die Andrea in Eagle Creek kennengelernt hatte. Ihr Vater, Jim Henderson, war der Besitzer des General Store. In diesem Laden konnte man alle Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, von Brot, Fleisch und Gemüse bis hin zu Waschpulver, Gummistiefeln und Werkzeugen. Auch Videofilme konnte man dort bekommen, und die Tageszeitung aus Vancouver. Diese war allerdings schon immer ein paar Tage alt, bis sie nach Eagle Creek kam. Aber das störte niemanden. Mit der Zeit nahm es hier keiner so genau.
   Ramschladen, hatte Michael dieses kunterbunte Warensortiment genannt. Andrea gefiel dieser Laden mit seinem liebenswerten Mischmasch aus Alt und Neu. Die neue Computerkasse zum Beispiel machte sich richtig gut auf der alten Ladentheke, die noch aus der Pionierzeit stammte. Auch die Tankstelle, die zum Eagle Creek General Store gehörte, war schon über siebzig Jahre alt. Bei den urigen Zapfsäulen musste man das Benzin erst in ein Schauglas hinaufpumpen, bevor man es in den Tank füllen konnte. Tracy hatte gemeint, dass diese alten Zapfsäulen eines Tages eine Touristenattraktion sein würden - falls das abgeschiedene, verschlafene Eagle Creek überhaupt jemals von Touristen entdeckt wurde.
   Seit die Eltern sich vor ein paar Jahren getrennt hatten, lebte Craig bei seiner Mutter in Nelson. Dort ging er auch aufs College. Tracy war beim Vater in Eagle Creek geblieben. Nach der Schule half sie bei ihm im Laden aus.
   Der blonde, stets gut gelaunte Craig hatte Andrea vom ersten Sehen an gefallen. Er sah nicht nur toll aus, er war auch ein furchtbar netter Kerl. Andrea hatte sich ein paarmal kurz mit ihm unterhalten. Dann war er mit Freunden nach Mexiko in Urlaub gefahren, und seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Das war vor mehr als vier Wochen gewesen. Doch sie hatte immer wieder an ihn denken müssen, und sie musste auch zugeben, dass sie ein klein wenig verliebt in ihn war.
   Nun war er also wieder zurück. Ob er allein auf dem Boot war? Oder war Kyla bei ihm, die hübsche Vollblutindianerin? Andrea hatte die beiden mehrere Male zusammen gesehen, wusste aber nicht, ob sie fest miteinander gingen. Interessiert hätte es sie schon. Doch so direkt hatte sie Tracy nicht danach fragen wollen.
   Andrea sprang vom Dock auf und schüttelte ihre nassen Haare aus. Dadurch wurde Craig auf sie aufmerksam. Er winkte ihr zu und lenkte dann das Boot zu ihr herüber. Am Dock drehte er bei.
   "Hi!", rief er, nachdem er den Motor abgestellt hatte. "Ganz schön heiss wieder, was?" Er bückte sich zu dem tragbaren Stereogerät, das auf den Bootsplanken stand und drehte es leiser.
   Andrea ärgerte sich über die plötzliche Verlegenheit, die sie überkommen hatte. Im ersten Moment fiel ihr absolut nichts ein, das sie erwidern hätte können. Wo waren ihre Englischkenntnisse geblieben? "Ja, irre heiß", sagte sie schließlich und kam sich dabei furchtbar linkisch vor. Sie war doch sonst nicht auf den Mund gefallen!
   Craig schien ihre Verlegenheit nicht zu bemerken. "Darf man hier für einen Augenblick parken?", fragte er mit einem unbefangenen Lächeln.
   "Klar." Andrea machte eine einladende Handbewegung.
   Sie sah zu, wie er geschickt ein dickes gelbes Seil auswarf und um den Pfosten am Dock festzurrte. Sanft schaukelte das Hausboot auf den Wellen auf und ab.
   "Du bist Andrea, right?" Er lehnte an der Reling und schaute sie interessiert an.
   Sie nickte. "Du erinnerst dich also noch an mich", bemerkte sie nicht gerade geistreich. Aber zumindest konnte sie sich wieder an die englische Sprache erinnern.
   Er lachte. "Of course! Ein so hübsches Mädchen wie dich vergisst man nicht."
   Andrea wurde noch heißer als ihr ohnehin schon war. Hoffentlich hielt Craig ihren roten Kopf der allgemeinen Hitze zugute! Fand er sie tatsächlich hübsch, oder hatte er das nur so dahingesagt? Sie wollte etwas in der Richtung erwidern, dass sie sich für das Kompliment bedankte, falls es eins gewesen sein sollte, doch für umständliche Sätze reichten ihre Englischkenntnisse noch nicht aus. So lächelte sie nur und musterte ihn dabei verstohlen.
   Craig war etwa einen halben Kopf größer als sie, ebenso braungebrannt und trug nichts weiter als ausgefranste Jeansshorts. Um den Kopf hatte er sich ein rotes Tuch als Stirnband gebunden, das sein welliges Haar bändigte. Er sah Tracy ziemlich ähnlich.
   Andreas Verlegenheit legte sich wieder. Sie schraubte ihre Wasserflasche auf und reichte sie zu Craig hinüber.
   "Möchtest du einen Schluck?"
   Als hätte er nur darauf gewartet nahm er die Flasche und trank ein paar Riesenschlucke. "Thanks, das tut gut." Er wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und gab die Flasche zurück. Als Andrea selbst einen Schluck daraus trank, verzog sie angewidert das Gesicht. Das Wasser war in der Hitze warm und schal geworden. Und solch eine Brühe bot sie an! Sie hätte ein paar Eiswürfel hineintun oder das Wasser in eine Thermoskanne füllen, damit es kalt blieb.
   "Dein Hausboot ist super, Craig", sagte sie dann. "Hast du es selbst gebaut?"
   "Yop. Steckt 'ne Menge Arbeit drin. Dad hat mir viel geholfen, und Tracy hat die Vorhänge und Polsterbezüge genäht. Willst du es mal von innen sehen?"
   "Sure!" Andrea ergriff seine Hand, die er ihr reichte, um ihr aufs Boot zu helfen.
   Etwas unbeholfen sprang sie auf die Planken. Das Hausboot schaukelte und schwankte, und einen Momentlang hatte sie das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.
   Auf einmal war etwas Wuscheliges um ihre Beine. Eine feuchte Nase stupste sie an, und zwei eifrige Pfoten wollten an ihr hoch. Vor Schreck stieß Andrea einen kleinen Schrei aus.
   "Muffin, get down!", befahl Craig, und das wuschelige Etwas gehorchte, wenn auch sichtlich widerwillig.
   "Ist der süß!" Andrea hatte sich von ihrem Schrecken erholt und kniete sich nieder, um den kleinen Hund zu kraulen. "Muffin heißt du, das find ich ja ulkig. Wie ist dein Herrchen bloß zu dem Namen gekommen?"
   Craig grinste. "Eigentlich war es Tracy, die ihm diesen Namen gegeben hat. Wir hatten ihn schon über eine Woche, und er hatte immer noch keinen richtigen Namen. Meine Mutter nannte ihn Doggy und mein Vater nannte ihn Puppy, das waren schließlich keine richtigen Namen für einen Hund. Dann klaute er eines Tages, als wir gerade eine neue Lieferung für den Laden bekamen, eine Packung Schokoladenmuffins und riss sie auf. Tracy sah es und schrie in ihrer Aufregung: 'Hey, lass die Muffins in Ruhe - Muffin, lass die … eh, Muffins …' Wir hatten uns alle gebogen vor Lachen! Dad meinte, da hätten wir ja endlich einen Namen für unseren Doggy, nämlich Muffin. Und dabei ist's dann auch geblieben."
   "Find' ich echt nett. Aber wenn er statt den Muffins nun was anderes erwischt hätte?", fragte Andrea und lachte.
   "Dann hätte er eben anders geheißen. Cookie oder Pepsi oder Marshmallow, oder was auch immer."
   Ein kurzes Schweigen entstand. Andrea kraulte Muffin, der sich dies nur zu gern gefallen ließ und stellte sich dabei die Szene vor, wie er die Packung mit den Schokoladenmuffins klaute. Oder eine mit Marshmallows. Oder ein Dutzend Hot Dogs. Hätten die Hendersons ihren Hund dann Hot Dog genannt? Beinahe wäre sie vor Lachen laut herausgeplatzt, konnte sich aber gerade noch beherrschen. Craig sollte sie nicht für eine alberne Gans halten.
   "Wusstest du, dass auf diese Weise die meisten Indianer zu ihren Namen gekommen sind?", redete er dann weiter.
   Andrea schaute ihn etwas verwirrt an. Weil sie nicht sicher war, ihn richtig verstanden zu haben, bat sie ihn, seine Frage zu wiederholen. Manchmal kam sie noch nicht so ganz mit, vor allem, wenn man zu schnell redete. Da nützte es ihr auch nichts, dass sie zu Hause in Deutschland die Klassenbeste in Englisch gewesen war.
   Craig gab sich Mühe, langsamer und deutlicher zu sprechen. "Bei der Namensgebung für ihre Kinder richten die Indianer sich oft danach, was sie bei der Geburt gerade sehen oder erleben. Wie bei Thunder Cloud zum Beispiel, unserem alten Häuptling. Als er geboren wurde, soll seinen Erzählungen nach eine dunkle Gewitterwolke am Himmel gestanden haben, und es hat laut gedonnert. Drum hat seine Mutter ihn Thunder Cloud genannt."
   "Echt? Das hört sich ja interessant an. Wohnt er hier in der Gegend? Ich hab noch gar nicht von diesem Indianerhäuptling gehört."
   "What?", rief Craig erstaunt. "Er ist doch euer Nachbar!"
   "Unser Nachbar?", wiederholte Andrea ebenso verblüfft.
   "Yeah. Crossley Moyama, das ist Thunder Cloud."
   "Der alte Crossley?" Andrea war ganz baff. "Wie ein alter verwitterter Indianer sieht der schon aus, aber dass er ein echter Häuptling ist, hab ich nicht gewusst. Im übrigen würde man in Deutschland niemanden, der einen Kilometer entfernt wohnt, als Nachbarn bezeichnen."
   Craig zuckte mit den Schultern. "Sein Grundstück grenzt an das eure, also seid ihr Nachbarn", meinte er. "Genauso wie Old Bill auf der anderen Seite. Sein Haus ist ein ganzes Stück weg von eurem, trotzdem ist er euer nächster Nachbar."
   "Ach, der alte Bill …" Bei dem Gedanken an den lustigen alten Mann mit seinem durchtriebenen Grinsen auf dem wettergegerbten Gesicht und der Knollennase musste Andrea lächeln. "Old Bill war einer der ersten, die wir hier kennen gelernt hatten. Als er hörte, dass Deutsche die Farm der MacLeod´s gekauft hatten, ist er gleich mit einer Pulle selbstgebranntem Schnaps zu uns rübergekommen und hat sich vorgestellt. Er stammt ja auch aus Deutschland, aus dem Black Forest."
   "Wie sagt ihr in Germany zum Black Forest?" wollte Craig wissen.
   "Schwarzwald", erklärte Andrea.
   Er wiederholte das Wort, was aus seinem Mund unheimlich komisch klang. "Schwarzwald", sagte Andrea ihm noch einmal langsam vor.
   "Schworz-waald", brachte Craig umständlich heraus. Andrea schüttete sich halb aus vor Lachen, und Craig lachte mit.
   Sie übte mit ihm, bis ihr die Zunge ganz lahm wurde und er den Namen beinahe perfekt aussprechen konnte. Dann kehrten sie wieder zum alten Bill zurück, der zurzeit in Deutschland bei seinen Verwandten zu Besuch war.
   "Old Bill und Thunder Cloud sind gute alte Freunde, auch wenn sie oft wie die Krähen aufeinander rumhacken", meinte Craig.
   "Das hab ich schon bemerkt. Die beiden Alten sind echt süß. Wie Jack Lemmon und Walter Matthau in dem Film 'Grumpy Old Men'. Nur noch grumpier."
   Sie standen immer noch an der Reling des Hausbootes. Muffin lag ausgestreckt auf den Planken und schnaufte schwer. Bestimmt war es auch ihm zu heiss in seinem dicken Pelzmantel.
   "Hast du Kyla schon kennen gelernt?", fragte Craig. "Sie ist eine reinrassige Kutenai-Indianerin. Nach ihrem Stamm sind die Kootenays benannt worden, die Gegend, in der wir hier leben. Außer ihrem bürgerlichen Namen hat Kyla auch noch einen indianischen."
   Als Craig Kylas Namen erwähnte, versetzte es Andrea einen kleinen Stich. Sie wollte nicht über dieses Mädchen reden. Aber vielleicht konnte sie dabei erfahren, ob Craig nun mit ihr ging oder nicht.
   "Ja, ich hab Kyla mal auf einer Party gesehen", sagte sie. Kyla war älter als sie, vielleicht siebzehn. Sie sah toll aus und kleidete sich ziemlich verrückt. Andrea mochte sie nicht. Kyla hatte sich ihr gegenüber richtig hochmütig verhalten, so, als wäre ihr nichts verhasster als hereingeschneite Weiße, die obendrein noch von einem fremden Kontinent kamen.
   "Und wie heißt sie auf indianisch?" fragte Andrea, obwohl es sie nicht unbedingt interessierte.
   "Silver Moon Spirit Owl", war die Antwort. "Wahrscheinlich hat bei ihrer Geburt der silberne Mond ins Zimmer geschienen, und eine geheimnisvolle Nachteule hat auf der Fensterbank gesessen."
   "Und wenn es statt der Eule eine hässliche alte Krähe gewesen wäre?" Andrea mußte bei dieser Vorstellung lachen.
   Auch Craig grinste. "Dann hätte sie statt Silver Moon Spirit Owl eben Ugly Old Crow geheißen. Bestimmt würde sie dann nicht auf ihrem indianischen Namen bestehen, wie es ihre neueste Macke ist, sondern darauf, ausschließlich Kyla genannt zu werden."
   Andrea überlegte gerade, wie sie auf unverfängliche Weise herausbekam, ob Craig fest mit Kyla ging, doch da wechselte er schon das Thema.
   "Willst du mal meine Villa von innen sehen?", fragte er und deutete zum Eingang der Hütte.
   "Klar", erwiderte sie. "Ich bin total neugierig."
   Andrea folgte ihm ins Innere des Hüttenbootes. Es war nur ein Raum, aber urgemütlich eingerichtet. Viel gemütlicher als ihr Wohnmobil, fand sie. Tisch und Eckbank waren aus grobem Holz gezimmert, ebenso die Regale. Craig erklärte, dass man aus der Sitzecke mit wenigen Griffen ein Doppelbett machen konnte, und Andrea bewunderte alles gebührend. Sie war sehr beeindruckt, dass Craig das alles selbst gebaut hatte. Das sagte sie ihm auch. Ebenso machte sie Komplimente wegen der Vorhänge und Polsterbezüge, die Tracy genäht hatte. Sie selbst hätte das nie fertiggebracht.
   "Du sprichst gut Englisch", meinte er mit einem anerkennenden Lächeln.
   "Oh - thanks!" Dass sie gut Englisch sprach hatte ihr noch niemand gesagt. Zumindest nicht, seit sie hier in Kanada waren. Sie selbst fand, dass ihr Englisch eher wie das eines Kindergartenkindes klang. Doch wenn Craig meinte, dass es gut war, wollte sie es gern glauben.
   "Hast du Lust, ein Stück mitzufahren, Andrea?", fragte er. Sie fand es cool, wie er ihren Namen aussprach, ÄN-drea mit der Betonung auf der ersten Silbe.
   Sie zögerte. Mit Craig den See hinunterzuschippern war unheimlich verlockend. Aber sie dachte auch an ihre Arbeit, die sie liegen gelassen hatte. Sie war nur zum Strand hinuntergegangen, um eine kleine Pause einzulegen. Micha und Holger wunderten sich sicher schon, wo sie so lange abgeblieben war.
   "Okay", sagte sie dann nach einem kleinen inneren Kampf. Sie konnte einfach nicht widerstehen.

 

 

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