Drittes Kapitel

 

 
3
Ein aufregender Bootstrip

 

   Sie legten ab und fuhren los. Craig lenkte das Hausboot auf den offenen See hinaus.
   "Auf dem Wasser ist es zum Glück ein bisschen kühler", bemerkte er.
   Durch die offenen Fenster des Hausbootes wehte tatsächlich ein frischer Wind herein. Andrea fand es angenehm, wie er über ihre erhitzte Haut strich. Trotzdem brannte die Sonne noch mit aller Macht vom Himmel.
   Gemächlich tuckerten sie den Arrow Lake hinunter, vorbei an den Häusern von Eagle Creek und dem Park am Seeufer, wo der kleine Campingplatz, die Bootsanlegestelle und der Badestrand waren. Linkerhand, etwas weiter draußen im See, war eine kleine bewaldete Felseninsel, die Rock Island genannt wurde. Dort gab es eine Feuerstelle und provisorische Sitzgelegenheiten aus Brettern und Holzklötzen. Nur Leute, die gut klettern konnten, kamen auf die Insel, denn die Felsen fielen steil ab, und schon allein das Anlegen mit dem Boot war ein Problem.
   Die Musik war inzwischen verstummt. "Wenn du willst, kannst du 'ne neue CD auflegen", sagte Craig.
   "Okay." Andrea ging hinaus zu dem Ghettoblaster. In der Schachtel daneben lagen CDs und Cassetten. Sie inspizierte das Musikangebot. Alternative, Rock, Soundtracks. Auch einige Oldies waren mit dabei, wie ihre Eltern sie gern hörten. CCR, Dr. Hook, Elton John, und The Best of Country Heat.
   Andrea fiel die Wahl schwer. Welchen Geschmack hatte Craig? Welche Musik bevorzugte er?
   Schließlich legte sie eine CD auf mit einer Band, die sie nicht kannte. Das Cover war ziemlich grell und wüst.
   Es war Heavy Metal. Irgendwas mit Zombies. Doch sie schien Craigs Geschmack getroffen zu haben, denn er begann im Rhythmus zu rocken.
   Am Strand und im Wasser tummelten sich etliche Kids. Einige winkten zu ihr herüber, und Andrea winkte zurück.
   Ob sie jetzt was zu quatschen hatten, weil sie auf Craigs Boot mitfuhr? Sie wünschte sich, Kyla möge sie so sehen. Doch das Indianermädchen war nicht unter den Leuten am Strand.
   "Gefällt dir die Musik?", fragte Craig, als sie wieder zu ihm zurückkam.
   "Weiß ich noch nicht", erwiderte sie vorsichtig. Im Grunde war sie nicht so für laute Headbanger-Musik. Sie stand mehr auf Soft Rock.
   Für eine Weile stand sie dicht neben ihm am Steuerrad. "Willst du mal?", fragte er und überließ ihr ohne Vorwarnung das Steuer.
   Im ersten Moment wollte Andrea ganz erschrocken ablehnen, nahm aber dann doch das Steuer fest in die Hände. Eigentlich war gar nicht viel dabei, stellte sie fest. Sie brauchte nur zu lenken, und ein Verkehr wie auf deutschen Seen herrschte hier auch nicht. Außer ihnen war weit und breit kein anderes Boot unterwegs.
   "Hoffentlich musst du das nicht bitter bereuen", meinte sie dennoch, doch Craig lachte nur unbekümmert.
   Andrea machte es Spaß, das Hausboot zu steuern. "Wie war´s in Mexiko?", wollte sie wissen. "Erzähl mal ein bisschen von deinem Trip, das würde mich brennend interessieren. Warst du ganz allein?"
   "No, mit Freunden vom College. Mit einem Camping-Van, den wir uns hergerichtet hatten. War echt super. In Cancun haben wir uns einer Gruppe aus England angeschlossen, die eine Studienreise durch Yucatan machte. Chichen Itza haben wir auch gesehen." Craig erzählte ausführlich von den Ausgrabungsstätten der Mayas, die sie besucht hatten, von den netten Kontakten mit den Einheimischen, dem guten Essen und den wildromantischen Meeresbuchten, in denen sie gezeltet und gebadet hatten. "Nächstes Jahr will ich wieder hin", sagte er. "Aber unsere Northwest Territories würden mich auch mal reizen."
   "Von der Hitze in die Kälte, brrr!" Andrea rieb sich über die Oberarme, als fröre sie.
   "Auch am Polarkreis hat es im Sommer um die zweiundzwanzig Grad", sagte Craig. "So kalt ist es da gar nicht."
   "Echt?" Andrea konnte sich das gar nicht vorstellen. Für sie war der Polarkreis gleichbedeutend mit ewigem Schnee und Eis. "Bist du schon mal dort gewesen?"
   "Ich nicht. Aber Thunder Cloud stammt aus dieser Gegend. Der hat uns schon die tollsten Abenteuergeschichten erzählt, aus der Zeit des Pelzhandels. Ob sie alle stimmen bezweifle ich. Aber sie hören sich aufregend an."
   Sanft schaukelte das Hausboot dahin, begleitet von dünnen Rauchschwaden, die den See heraufzogen. Als der Wasserbomber abermals auftauchte, nahm Craig das Steuer wieder selbst in die Hand und lenkte das Hausboot rasch in Ufernähe, um nicht im Weg zu sein. Danach durfte Andrea das Steuer wieder übernehmen.
   Es war schon eine tolle Sache, so ein Hausboot über den Arrow Lake zu manövrieren, fand sie. Das schlechte Gewissen, das sie wegen ihrer verlängerten Arbeitspause hatte, verdrängte sie in den hintersten Winkel. Ihre Brüder, die sich bestimmt schon Sorgen um sie machten, rückten in weite Ferne. Für eine Weile vergaß sie sogar die drohende Feuergefahr. Sie sah nur noch den wunderschönen blaugrünen See, eingebettet in romantische Hügel und Wälder, und die laute Headbanger-Musik klang wie ein zärtlicher Love-Song. Mit Craig hätte sie so bis ans Ende der Welt fahren können.
   Er zündete sich eine Zigarette an. "Rauchst du?", fragte er.
   "Nur ab und zu mal einen Paff."
   Er reichte ihr die brennende Zigarette. Andrea stand jetzt eigentlich gar nicht der Sinn danach, aber sie zog trotzdem daran.
   Craig stoppte die Headbanger-Musik und legte etwas Sanfteres auf. Andrea geriet dabei richtig ins Träumen.
   "Was bringt dich eigentlich dazu, bei dieser Hitze mit dem Hausboot durch die Gegend zu fahren?", fragte sie nach einer Weile.
   "Das Ding ist nicht mehr richtig gelaufen, da hab ich mal den Motor auseinandergenommen", erklärte Craig. "Das hier ist sozusagen eine Testfahrt. Sonst würd' ich jetzt lieber am Beach liegen und faulenzen. Oder Fire fighting sein. Habe mir schon überlegt, ob ich mich melden soll. Aber wenn das mit den Waldbränden so weitergeht, werden sie sowieso jeden einziehen, der über achtzehn und unter achtzig ist."
   Andrea schickte einen besorgten Blick zu den Rauchschwaden hinüber, die sich im Moment in Grenzen hielten. Nein, sie wollte nicht wieder an die drohende Gefahr erinnert werden. Nicht jetzt, wo sie mit Craig diese romantische Bootstour unternahm!
   "Wie schätzt du die Situation ein, Craig?" musste sie dann aber doch fragen. "Denkst du, dass das Eagle Creek Valley evakuiert werden muss?"
   Er zuckte mit den Schultern. "Das kann passieren, muss aber nicht sein. Es hängt vom Wind ab. Bleibt es windstill, schwelt das Feuer nur vor sich hin und kann relativ rasch unter Kontrolle gebracht werden. Kommt Wind auf, kann es sich mit enormer Geschwindigkeit ausbreiten. Dazu kommt noch die Gefahr von Gewittern. Kriegen wir nochmal welche ohne Regen, dafür aber mit jeder Menge Blitzschlag, dann wird es verdammt kritisch für uns werden."
   Neue Angst stieg in Andrea hoch. Was konnte man tun, um Gewitter zu verhindern? Nichts. Man konnte nur abwarten und beten.
   Als hätte Craig ihre Angst gespürt legte er ihr kurz den Arm um die Schultern. "Sorry, ich wollte dir keine Angst einjagen, Babe. Aber so ist die Situation nun mal."
   "Schon klar." Andrea wünschte, er hätte seinen Arm liegenlassen wo er war. Stattdessen übernahm er das Steuerrad wieder. Irgendwas war mit dem Motor. Er stotterte und spuckte und setzte dann ein paarmal ganz aus.
   Andrea wurde es ein bisschen mulmig zumute. Was war, wenn der Motor streikte und sie hier festsaßen, mitten auf dem See, in dieser mörderischen Hitze, und weit und breit keine Menschenseele, keine Hilfe? Auch Eagle Creek hatten sie inzwischen weit hinter sich gelassen. Bis hier mal jemand vorbeikam, konnten Ewigkeiten vergehen!
   "Don't worry. Wenn ich nicht rechtzeitig zurückkomme, wird mein Vater eine Rettungsmannschaft ausschicken", sagte Craig, als hätte er ihre Gedanken erraten. "Er weiß ja, daß mit dem Motor was nicht gestimmt hat."
   Andrea war wieder beruhigt. Schade eigentlich, dachte sie im Nachhinein. Wäre ja ganz aufregend gewesen, mit Craig so ganz allein auf dem See … Aber das waren alberne Träumereien. Craig hatte bestimmt kein gesteigertes Interesse an ihr. Und auch sie sollte wichtigere Dinge im Kopf haben.
   Er machte sich wieder am Motor zu schaffen, hämmerte, klopfte, schraubte und schmierte. Schließlich ging das Spucken und Stottern in ein gleichmäßiges Tuckern über.
   "There you go!", sagte Craig zufrieden und wischte sich die ölverschmierten Finger an einem Lappen ab.
   Sie fuhren weiter den See hinunter, vorbei an idyllischen Buchten, schroffen Felsen und einem Wasserfall. Diesen Teil des Sees kannte Andrea noch nicht. Hier führte auch keine Straße mehr entlang. In Eagle Creek war die zivilisierte Welt zu Ende. Deshalb verirrten sich auch nicht allzu viele Leute hierher.
   "Echt super hier", sagte sie, beeindruckt von der wildromantischen Landschaft. "Dumm nur, dass ich meinen Fotoapparat nicht dabei hab. Der Wasserfall dort …"
   "Da ist im Moment kaum Wasser drin", winkte Craig ab. "Du solltest die Caribou Falls mal während der Schneeschmelze sehen. Da tosen die Wassermassen nur so in die Tiefe. Bist du schon mal dort gewesen?"
   Andrea schüttelte den Kopf. "No. Aber gehört hab ich davon."
   "Man kann nur mit dem Boot hinkommen, oder über einen Hiking-Trail von der Caribou Creek Road aus", erklärte Craig. "Ein Stück unterhalb ist das Hippy Hole."
   "Hippy Hole?", wiederholte Andrea und lachte.
   "Es wird so genannt, weil die Hippies, die in den 70-er Jahren ins Eagle Creek Valley kamen, hier gern gebadet haben. Ganze Hippy-Familien sind dort nackt herum gehüpft. Muss echt lustig gewesen sein. Aber auch heute sieht man dort manchmal noch welche von ihnen nackt baden. Die alten und auch die jungen Hippies, wie Willow und Juniper zum Beispiel."
   Andrea hatte die beiden Mädchen noch nicht kennen gelernt, nur von ihnen gehört. "Und was genau ist dieses Hippy Hole?", fragte sie.
   "Ein nicht sehr großer, aber sehr tiefer Pool unterhalb der Caribou Falls, der von hohen Felsen umgeben ist", erklärte Craig weiter. "Von diesen springen die Kids auch heute noch ins Wasser."
   "Echt?" Andrea versuchte etwas von dem Felsenpool zu erkennen, doch er war zu versteckt. Unterhalb des Wasserfalls war dichter Wald. Nur die Mündung des Caribou Creeks in den Arrow Lake war zu sehen.
   "Wenn du willst, können wir mal zum Hippy Hole gehen", schlug Craig vor.
   "Oh - prima!" Andrea freute sich riesig. Hatte Craig vor, ihre Bekanntschaft fortzusetzen? "Wie lange bleibst du eigentlich in Eagle Creek?", fragte sie.
   "Den ganzen Sommer", erwiderte er. Und Andrea freute sich noch mehr. Im Geist stellte sie sich bereits vor, was sie dann alles zusammen unternehmen konnten. Sicher würde Craig ihr eine Menge zeigen können, all die verschwiegenen Plätze, die einsamen Waldseen und Wasserfälle … Vielleicht gingen sie sogar zelten?
   Sie fuhren weiter an dem zerklüfteten Seeufer entlang.    "Erzähl mal ein bisschen von dir und deiner family, Andrea", sagte Craig in ihre verträumten Gedanken hinein. "Wie lange seid ihr schon hier im Eagle Creek Valley?"
   Andrea hatte Mühe, von ihrem Gedankenflug wieder zurück zu finden. Was hatte Craig gerade gefragt? Ach ja, wie lange sie schon hier waren …
   "Fast zwei Monate", antwortete sie dann. "Im Farmhaus wohnen wir jetzt seit vier Wochen. Zuvor haben wir in unserem Wohnmobil gewohnt."
   "Yeah, ich hatte es unten am Rastplatz stehen sehen", erinnerte Craig sich. "Wieviele seid ihr eigentlich? Tracy sagte, dass du noch Brüder und Schwestern hast."
   "Zwei Brüder und eine Schwester. Michael ist der Älteste. Er ist vor Kurzem achtzehn geworden. Holger - das ist mein Zwillingsbruder - sind fünfzehn. Er muss im Rollstuhl sitzen. Vor drei Jahren hatten wir in Jugoslawien, als wir im Urlaub waren, einen Autounfall. Seitdem ist er querschnittsgelähmt."
   "Sorry", sagte Craig teilnahmsvoll.
   Andrea warf ihm ein kurzes Lächeln zu. "Thanks. Holger kommt aber ganz gut mit seiner Behinderung zurecht. Nur manchmal überkommt ihn der totale Frust, dann kriegt er richtige Wutanfälle, wo er am liebsten was kaputtschlagen möchte. Dann helfen wir ihm natürlich, so gut wir können. Aber er will sich nicht immer helfen lassen."
   "Kann ich gut verstehen. Ist ja auch schlimm, in dem Alter. Nichts mehr unternehmen können, was man früher gemacht hat, nicht mehr mit den Freunden spielen und toben, kein Sport, keine Girls … wenn´s einen Älteren trifft, kann er das besser verkraften, denke ich."
   "Ich finde, es ist in jedem Alter schlimm, wenn man von einem Tag auf den anderen nicht mehr laufen kann", erwiderte Andrea nachdenklich. Plötzlich fühlte sie sich furchtbar niedergeschlagen. Sie wollte nicht mehr an den furchtbaren Unfall denken, als dieser Lastwagen … Nachts, auf der kurvenreichen Küstenstraße …
   "Reden wir nicht mehr davon", sagte sie und versuchte, die schrecklichen Erinnerungen wieder zu vertreiben.
   Craig verstand, wie ihr zumute war und fragte nicht mehr weiter. "Das sind also deine Brüder", sagte er. "Und deine Schwester?"
   "Nicole? Sie ist zehn und das Baby in unserer Familie. Manchmal ist sie eine richtige Plage."
   Craig schnitt eine Grimasse. "Kann ich dir nachfühlen. Ich weiß, wie kleine Schwestern einem auf den Geist gehen können. Tracy hat mich in dem Alter auch furchtbar genervt."
   Andrea musste lachen, als sie sich das vorstellte. Craig war vier Jahre älter als seine Schwester, die im Herbst fünfzehn wurde. Tracy konnte auch heute noch schrecklich albern und kindisch sein.
   "Und deine Eltern?", fragte er weiter. "Wie heißen sie, was machen sie so?"
   "Mein Vater heißt Richard und ist Geologe", erwiderte Andrea nicht ohne Stolz. "Er erstellt Gutachten für Minen, beim Straßenbau, und so. Dieses Jahr will er sich nirgendwo mehr bewerben, weil wir ja noch mit dem Aufbau der Farm zu tun haben. Nächstes Jahr will er dann sehen, dass er für Minengesellschaften in der Gegend arbeiten kann."
   "Nicht übel", meinte Craig anerkennend. "Da kriegt er bestimmt einen Job. In vielen Ghost Towns hier in der Gegend wollen sie die Arbeit wieder aufnehmen, weil sie glauben, dass die Minen noch lange nicht erschöpft sind. Vor allem in den Abraumhalden sollen noch jede Menge Gold und Silber drin sein."
   "Ja, das hat mein Vater auch gesagt. Damals hatten sie noch nicht die technischen Geräte wie heute, deshalb sind viele Minen geschlossen worden."
   "Und deine Mutter?", fragte Craig weiter.
   "Sie heißt Renate und ist von Beruf Krankenschwester. Wenn sie besser Englisch kann, will sie für das Red Cross Outpost Hospital arbeiten."
   "Als Nurse?"
   "Nein, dazu müsste sie hier nochmal aufs College gehen, und das ist ihr zuviel. Sie will das ja nicht hauptberuflich machen, sondern sich hauptsächlich um die Farm kümmern. Weisst du, wir wollen in Zukunft alles selber machen, was nur irgend geht. Selbstversorger sozusagen. Nebenher will meine Mutter dann noch einen Sanitätskurs machen, oder wie ihr das hier nennt."
   "Oh, First Aid Attentant." Craig nickte. "That's great! Die Eagle Creek Community braucht dringend mehr First Aid Attentants, sonst nehmen sie uns den Ambulanz-Service weg."
   Andrea schaute ihn fragend an. "Wie meinst du das?"
   "Well, Eagle Creek ist eine der wenigen Communities in British Columbia, die ein Red Cross Outpost Hospital haben", erklärte Craig. "Zwar winzig nur, wie du vielleicht schon gesehen hast, mit nur zwei Betten und einer Nurse, aber es ist eine sehr wichtige Einrichtung hier. Obwohl nicht viele Leute hier leben passiert immer wieder was. Mal beim Holzfällen, mal beim Reiten, oder so'n Idiot wie der fette Raleigh schießt sich beim Gewehr reinigen in die Schulter. Es wohnen auch ziemlich viele alte Leute hier, Pioniere von damals wie der alte Bill, die schon über achtzig sind und alle möglichen Wehwehchen haben. Wenn nicht genügend First Aid Attentants da sind, wird uns der Rettungswagen weggenommen, und wir müssen bei Unfällen und so auf Hilfe aus der Stadt warten. Das kann Stunden dauern und Leben kosten."
   "Oh, I see." So ähnlich hatte ihre Mutter es auch erklärt. "Ich mach das vielleicht später auch mal. Aber erst muss ich mit der Schule fertig werden."
   "In welche Klasse gehst du?"
   "In Deutschland sind Holger und ich in die Neunte gegangen. Jetzt fangen wir im Herbst eben nochmal mit der Neunten an. Der Prinzipal von der High School in Nakusp hat uns schon getestet. Dabei hat sich herausgestellt, dass wir den meisten Stoff schon letztes Jahr in unserer Schule in Deutschland hatten. Da können wir uns also jetzt mehr auf die Sprache konzentrieren."
   "Das werdet ihr schon schaffen", meinte Craig und lächelte. "Ich finde es einfach toll, wie ihr das alles so gemanagt habt, mit der Auswanderung und so, die totale Umstellung … Habt ihr nicht manchmal Heimweh nach Germany?"
   "No, not really." Andrea zuckte mit den Schultern. "Wir sind ja erst zwei Monate hier, und alles ist noch so neu und aufregend. Wie ein verlängerter Urlaub. Nur meine kleine Schwester heult manchmal, weil sie ihre Freundinnen und Oma und Opa vermisst."
   "Kommen eure Großeltern euch nicht mal besuchen?"
   "Ja, klar! Vielleicht sogar schon nächstes Jahr. Wenn wir mit dem Renovieren und so fertig sind, wollen sie für ein paar Wochen kommen. Darauf freuen wir uns schon."
   Andrea erzählte noch ein wenig von ihrem früheren Zuhause in Schwabach und dem Leben dort, dann schlug Craig vor, umzudrehen und zurückzufahren. Andrea fand es schade, dass der Trip schon wieder zu Ende war. Doch als sie dann einen Blick auf Craigs Armbanduhr warf, bekam sie einen richtigen Schrecken. Über zwei Stunden waren sie auf dem Arrow Lake unterwegs gewesen! Jetzt aber nichts wie nach Hause und wieder an die Arbeit.
   Als sie wieder am Dock zurück waren, meinte Craig, sie solle sich doch mal in 'town' am 'beach' sehen lassen. Da war im Sommer immer was los.
   In 'town', das war im Ort. Und mit dem 'beach' war entweder der Badestrand unten beim General Store gemeint, oder Kilarney Beach, oder die Paradise Bay, beliebte Hang-outs der Kids von Eagle Creek.
   "All right, mal sehen", sagte Andrea. "Thanks für den Trip, Craig." Sie bückte sich zu Muffin und tätschelte ihm das Fell, doch dem Hund war wohl zu heiß, um darauf zu reagieren. Er rappelte sich auf und schlurfte zu seinem Wassernapf. Das war alles, was ihn im Moment interessierte.
   Craig reichte ihr die Hand, um ihr vom Boot zu helfen. Als Andrea wieder auf dem Dock stand, winkte er ihr nochmal kurz zu und drehte dann ab.
   Sie schaute ihm noch eine Weile nach, bis er hinter der Felsnase verschwunden war. Die Fahrt mit Craig kam ihr jetzt fast wie ein Traum vor. Hatte sie das alles wirklich erlebt, oder nur geträumt?
   Noch ganz in Gedanken versunken zog Andrea ihr T-shirt wieder an. Ebenso abwesend hob sie ihr Handtuch und die Wasserflasche auf, die noch auf dem Dock lagen. Dann lief sie - nein, schwebte sie - den Pfad zurück in Richtung Haus.
   Sie hatte IHN wiedergetroffen! Sie würde IHN wiedersehen.
   IHN mit Großbuchstaben!

 

 

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