Auszüge
aus dem
Vierten Kapitel

 
4
Es wird fleißig gewerkelt

 

   "Sorry, dass ich so lang weg war", entschuldigte Andrea sich. "Ich mach gleich mit dem Dach weiter."
   "Sorry - ist das alles?" Mit ausgesprochen neugierigen Blicken schaute Holger seine Zwillingsschwester an. "Ist das deine ganze Erklärung dafür, dass du dich über zwei Stunden lang buchstäblich aus dem Staub gemacht hast, ohne eine Nachricht, ohne eine Spur zu hinterlassen?"
   "Ja, richtig, wo warst du überhaupt?", fiel Michael ein. "Ich war unten am Dock, um dich an deine Arbeit zu erinnern, aber nur deine Sachen lagen da. Hab gesucht und gerufen, bis mir's dann zu dumm geworden ist."
   "Sorry", sagte Andrea noch einmal, als sie an Michaels Blick sah, dass er sich ernste Sorgen um sie gemacht hatte.
   Das hatte Michael tatsächlich getan. Er hatte sich nicht vorstellen können, wo Andrea abgeblieben war. Natürlich hatte er nicht gleich annehmen wollen, dass ihr etwas zugestoßen war, aber man konnte nie wissen. Dann hatte er draußen auf dem See ein Boot entdeckt und sich zusammengereimt, dass Andrea zu einem Trip eingeladen worden war. Was es für ein Boot gewesen war, hatte er nicht erkennen können. Dazu war es zu weit weg gewesen.
   Holger dagegen war gleich der verklärte Ausdruck seiner Schwester aufgefallen. Als ihr Zwillingsbruder konnte er ihr meist jede Gefühlsregung vom Gesicht ablesen. "Oh-oh! Sie hat unten am Dock jemanden getroffen und ist ihm gefolgt", meinte er mit gutmütigem Spott.
   "Du meinst, sie ist IHM begegnet?", grinste Michael. Es hatte ihm schon immer Spaß gemacht, Andrea aufzuziehen, weil man sie so schön zum Explodieren bringen konnte.
   Holger betrachtete seinen Zwilling mit schiefgelegtem Kopf. "Klar, das sieht man ihr doch deutlich an", stellte er sachlich fest. "Dieses Strahlen im Blick, dieses überirdische Lächeln …"
   "Stimmt, das fällt mir jetzt ebenfalls auf." Michaels Grinsen wurde noch breiter. "Und wer ist der neue Loverboy?", versuchte er aus seiner Schwester herauszuholen.
   Andrea merkte, dass sie rot geworden war und ärgerte sich darüber ebenso wie über ihre Brüder. "Was ihr Schmarrköpfe da wieder zusammenfantasiert!", fuhr sie hoch wie eine Rakete. "Total bekloppt seid ihr! Euch ist die Hitze wohl nicht bekommen, wie?"
   "Come on, Baby!" Michael ließ seine langen Beine vom Dach des Hühnerstalls baumeln. "Raus mit der Sprache! Wer ist der Kerl, der dich von der Arbeit abgehalten hat? Sag mir´s, und ich werde ihn an den Totempfahl nageln!"
   "Sie geniert sich, es zu sagen", rief Holger hinter vorgehaltener Hand zu seinem Bruder hinauf. "Wahrscheinlich ist's der dicke Gregory. Oder der Eierkopf vom Johnson-Clan."
   "Also, das ist echt das Letzte!" Andrea nahm ihr Handtuch und schlug es ihrem Zwillingsbruder um die Ohren. Doch sie tat es mehr liebevoll als empört.

  *****

   Natürlich hatte es sich in dem kleinen Ort Eagle Creek gleich herumgesprochen, dass deutsche Einwanderer mit vier Kindern sich in ihre Einsamkeit verirrt hatten und sich hier niederlassen wollten. Nach ihrem Einzug waren die Nachbarn und auch viele Leute aus dem Ort gekommen, hatten sich vorgestellt und kleine nützliche Geschenke mitgebracht. Die Hartmanns hatten sich über so viel Aufmerksamkeit von Herzen gefreut. Ein bisschen Angst hatten sie schon gehabt, wie man in dieser Abgeschiedenheit Fremde - noch dazu Ausländer - aufnehmen würde. Doch diese Angst war unbegründet gewesen. Man hatte sie mit offenen Armen empfangen, und in den wenigen Wochen, die sie nun am Arrow Lake waren, hatten sie sich schon richtig in die Gemeinde eingelebt.
   "Ja, die Leute waren echt super", pflichtete Andrea ihrem Bruder bei. "Ich hab Eagle Creek und seine Bewohner schon richtig ins Herz geschlossen. Bis auf ein paar Typen, die ich absolut nicht ausstehen kann", fügte sie hinzu und verzog dabei grimmig das Gesicht. "Die Johnson's zum Beispiel!"
   "Ein paar schwarze Schafe gibt es überall", meinte Michael nur. "Die Johnson's kann niemand im ganzen Tal leiden. Aber mit denen haben wir zum Glück nichts weiter zu tun."
   "Nichts weiter zu tun?", fuhr Andrea auf. "Klar haben wir was mit denen zu tun! Es stinkt zum Himmel, wie die in den schönen Wäldern abhausen! Wenn wir ein Teil dieser Gemeinde sein wollen, dann geht uns das genauso was an. Und es ist unsere Pflicht, was dagegen zu unternehmen!"
   Die Johnson's waren ein Familienclan, denen das Sägewerk am Ortsrand gehörte. Sie hatten vom Forstamt die Genehmigung bekommen, einen Teil der Wälder um Eagle Creek abzuholzen. Bei dieser Genehmingung sollte es nicht ganz astrein zugegangen sein, munkelte man in der ganzen Gegend. Mit Bestechung von Kommunalpolitikern und so. Da die Hartmann-Geschwister sich sehr für den Umweltschutz einsetzten, akzeptierten sie auch nicht die Art und Weise, wie der Johnson-Clan hier abholzte. Wenn die so weiter machten, würde die Gegend um den Arrow Lake bald nur noch ein einziger Haufen Holzschutt sein. Vor allem die Indianer wetterten dagegen und warfen den Johnson's Steine in den Weg, wo sie nur konnten. Doch letzten Endes waren alle machtlos gegen diesen Clan.
   Michael war mit seiner Arbeit fertig und kam nun die Leiter herunter.
   "Okay, du hast ja Recht, Andrea", lenkte er ein. "Aber die Johnson's sind nicht unser persönliches Problem, sondern das der ganzen Gemeinde. Wir teilen unsere Abneigung mit 'ner Menge anderer Leute. Und wenn es hier zu irgendwelchen Aktionen kommt, sollten wir selbstverständlich mit dabei sein."
   Dieser Meinung waren auch die Zwillinge. Alle waren bereit, für ihr neue Heimat zu kämpfen, sei es gegen die Waldbrände oder gegen den Raubbau der Natur.

  *****

   Die Sonne ging bereits unter und warf ihre letzten Strahlen auf die Berggipfel. Alles war in einen rötlichen Schein getaucht, und Andrea musste unwillkürlich an ein Alpenglühen denken, wie sie es früher oft erlebt hatte, wenn sie mit ihrer Familie Urlaub in Österreich oder in den Dolomiten gemacht hatte. Doch im selben Moment sah sie, dass der Schein nicht nur von der Abendsonne kam. Das Feuer hinter dem Bergkamm war wieder neu aufgelodert, und in den dicken schwarzen Rauchwolken waren jetzt auch deutlich die lodernden Flammen zu erkennen. Es schien, als hätte sich das Feuer ein ganzes Stück nähergefressen. Bedrohlich näher gefressen!
   "Habt ihr das gesehen?", rief sie erschrocken. "Gerade waren die Flammen wieder ganz hoch!"
   Auch ihre Brüder machten besorgte Gesichter, als sie zu dem Feuer hinüberschauten. Es sah ziemlich gefährlich aus.
   "Wir haben heute Nachmittag gar keine Nachrichten mehr gehört", sagte Holger.
   "Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß", zitierte Michael. "Wenn sie Eagle Creek tatsächlich evakuieren wollten, hätten wir auch so davon mitgekriegt, ohne dass wir es im Radio gehört hätten." Er wandte sich an seine Schwester. "Hat Craig nicht irgendwelche Informationen von sich gegeben?"
   "Nicht viel. Er meinte nur, dass es für uns schon kritisch werden könnte, wenn der Wind stärker wird oder wir wieder ein Gewitter ohne Regen kriegen." Andrea versuchte, die Angst zu vertreiben, die jetzt wieder in ihr hochkroch. "Vielleicht machen wir das alles hier umsonst", sagte sie bedrückt und meinte damit die Renovierungsarbeiten auf der Farm. Wenn die Waldbrände nun alles zunichte machten?
   "Gar so schlimm wird's schon nicht kommen", gab Michael sich betont zuversichtlich.
   "Vorläufig evakuieren sie auch weniger wegen der Feuer, sondern hauptsächlich wegen der Rauchentwicklung", warf Holger ein. "Kleine Kinder und alte und kranke Leute holen sie als Erstes hier raus. Sollten wir tatsächlich evakuiert werden, dann heißt das noch lange nicht, dass unsere Farm dem Feuer zum Opfer fallen muss. Es ist nur der Sicherheit wegen."
   Michael nickte. "Klingt logisch. Klar machen wir mit unserer Arbeit weiter. Was sollen wir auch sonst tun? Rumsitzen und warten, bis die Gefahr vorbei ist? Das kann noch Wochen dauern!"
   Andrea blickte nachdenklich vor sich hin. Die Worte ihrer Brüder hatten sie wieder ein wenig beruhigt. Das mit der Rauchentwicklung leuchtete ihr ein. Doch wenn die Leute deswegen evakuiert wurden, wie konnten sie ihre Häuser dann gegen das Feuer verteidigen? Wieder nahm sie sich vor, ihre neue Farm nicht im Stich zu lassen und bis zum Letzten darum zu kämpfen. Doch sie musste auch zugeben, dass sie ein sehr mulmiges Gefühl dabei hatte.
   "Wo bleiben eigentlich Mama und Papa und Nicole?", fiel es ihr dann auf. "Sie wollten doch längst zurück sein, oder nicht?"
   "Ja, gegen sechs Uhr, hatten sie gesagt." Michael schaute auf seine Armbanduhr. "Hey, es ist ja schon nach acht!", rief er. "Mann, die lassen sich aber Zeit!"
   Die drei schauten sich beunruhigt an.

 

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