Auszüge
aus dem
Fünften Kapitel

 
5
Gleich mehrere Überraschungen

 

   Das Wohnmobil bog jetzt in den Hof ein, ebenso der blaue Pickup-Truck. Beide Fahrzeuge hielten nebeneinander vor dem Haus. Zur großen Überraschung der Geschwister war es ihre Mutter, die aus dem Truck kletterte. Auf der anderen Seite sprang Nicole heraus.
   "Hey, was ist denn das?", rief Andrea beim Näherkommen.
   "Unsere neue Familienkutsche", erklärte ihre Mutter vergnügt. "Darin haben wir alle sechs Platz. Samt Zubehör." Damit meinte sie in erster Linie Holgers Rollstuhl.
   Der Pickup-Truck war ein sogenanntes Crew-Cab, mit einer zweiten Sitzbank hinter der Fahrerbank. Das Ding war riesig. In der Ladebox hatte eine Menge Platz. Michael stellte sich im Geist schon einen Pickup-Camper darauf vor. Damit konnten sie alle zusammen zu diesen abgelegenen kleinen Waldseen fahren, in denen man besonders gut angeln konnte, und dort campen.

  *****

   Michael wollte gleich eine Runde damit drehen, doch das wurde auf morgen verschoben, denn es war schon spät.
   "Ich werde dir Fahrunterricht erteilen, dann kannst du noch vor dem Winter deinen Führerschein machen", sagte sein Vater zu ihm.
   "Hey - great!" Michael klopfte ihm begeistert auf die Schulter.
   "Und ich?", fragte Andrea mit schiefgelegtem Kopf.
   "Du wirst leider bis nächstes Jahr warten müssen, meine Tochter. Denn auch hier in Kanada muss man mindestens sechzehn sein, bis man Auto fahren darf", bedauerte ihr Vater. "Aber üben kann man vorher schon ein wenig", setzte er mit einem Zwinkern hinzu.
   Andrea stieß ein Indianergeheul aus. "Yeah, yeah, yeah!"
   Sie und Michael bewunderten die neue Familienkutsche von allen Seiten und machten Pläne, wo sie damit als Erstes hinfahren wollten. Nur Holger war auf einmal sehr schweigsam geworden. Schmerzlich wurde ihm seine Behinderung wieder bewusst und die Tatsache, dass er niemals am Steuer eines Autos sitzen würde.
   Andrea spürte, was in ihm vorging. Tröstend drückte sie ihm den Arm.

  *****

   "Warum kommt ihr eigentlich so spät?", fragte Andrea. "Wir hatten uns schon solche Sorgen um euch gemacht. Und angerufen hattet ihr auch nicht!"
   "Das mit dem Autokauf hat natürlich eine Weile gedauert", erklärte ihr Vater. "Trotzdem wären wir einigermaßen pünktlich zurückgekommen, wenn am Monashee Pass nicht ein Waldbrand ausgebrochen wäre. Der Rauch war so dicht, dass man überhaupt nichts mehr erkennen konnte, nicht einmal die Straße. Trucks mit Löschausrüstung standen herum, und Männer mit Schutzhelmen und Schaufeln rannten durch den Busch."
   "Firefighter", sagte Nicole mit sichtlichem Stolz, weil sie wieder ein neues Wort gelernt hatte. "Und Flagmen."
   Andrea runzelte die Stirn. "Flagmen?"
   "Die Leute, die bei Straßenarbeiten oder einem größeren Unfall in orangefarbener Schutzkleidung auf der Straße stehen und ein Schild halten, auf dessen einen Seite 'Stop' steht und auf der anderen 'Slow'", erklärte Mutter Renate. "Die standen auch auf dem Monashee Pass und hielten uns das Stopzeichen vor die Nase. Erst sah es so aus, als wollten sie uns heute überhaupt nicht mehr durchlassen, und wir müssten im Wohnmobil übernachten. Aber dann hat uns doch ein Pilot-Car durch den Rauch gelotst."

  *****

   "Wow, sind wir denn wieder in Deutschland?" rief Holger begeistert, als er die knusprigen Brötchen und den leckeren Aufschnitt erblickte. Das sah ja alles ganz so aus, als käme es direkt aus ihrer Bäckerei und von ihrem Metzger in Schwabach!    "Wir haben in Vernon eine deutsche Bäckerei und auch ein Delikatessengeschäft mit deutschen Wurstwaren entdeckt", erklärte Renate. "Da haben wir natürlich gleich zugegriffen."
   "Super!" Alle jubelten über die lange vermissten Schmankerln. So begeistert sie von Kanada im Allgemeinen auch waren, mit den Essensgewohnheiten hatten sie sich noch nicht so recht anfreunden können. Nur Michael aß mit Vorliebe Erdnussbuttersandwiches mit Marshmallowcreme und gebratene Würstchen mit Ahornsirup. Die anderen Kinder aßen zwar gern mal einen Hamburger oder ein Hot Dog oder Fish und Chips, aber ansonsten hielten sie sich lieber an die gewohnte deutsche Küche, die Renate auf jeden Fall beibehalten wollte.

  *****

   In Minutenschnelle verschwand der Brötchenberg, der Aufschnitt und die Leberwurst schrumpften zu einem winzigen Rest zusammen.
   "Uff, bin ich satt!" Nicole schob ihren Teller von sich, auf dem nur noch ein paar Krümel lagen.
   "Und ich erst!" Andrea hatte drei Brötchen vertilgt und bekam kaum noch Luft.
   Renate stand auf und räumte die Reste weg. "Da ist noch ein bisschen übrig für morgen, wer's zum Frühstück möchte", meinte sie.
   "Hach, dass ich nicht lache!" Michael grinste anzüglich. "Nicht, wenn Andrea heute Nacht wieder in Richtung Küche schlafwandelt."
   "Tue ich nicht!", fuhr sie auf. "Nur weil ich ein einziges Mal am Kühlschrank gewesen bin …"
   "Ein einziges Mal, haaahaaaa!" Nicole kicherte laut. Dann biss sie sich auf die Lippen. Nein, sie wollte nicht verraten, wie oft sie Andrea in der Nacht schon die Treppe hinunterschleichen hatte hören! Sie wollte es mit der großen Schwester nicht ganz und gar verderben.
   "Wir können ja ein Schloss am Kühlschrank anbringen", schlug Vater Richard schmunzelnd vor.
   Andrea setzte eine beleidigte Miene auf, aber sie war es nicht wirklich.
   "Ein Laster muss der Mensch schließlich haben", verteidigte sie sich. "Ich trinke keinen Alkohol, ich rauche kein Marihuana, und mein Sexleben findet auch nicht statt. Warum soll ich da nicht ab und zu mal nachts aus dem Kühlschrank naschen dürfen?"
   Unter den belustigten Blicken ihrer Eltern und ihrer Brüder stand sie auf und trug ihren leeren Teller zur Spüle.
   Nicole war vor Verlegenheit ganz rot geworden. Sie bewunderte ihre große Schwester und wünschte sich oft, so zu sein wie sie. Aber manchmal war Andrea auch furchtbar direkt. Niemals würde Nicole so laut über Dinge wie Sex reden!

  *****

   Obwohl Andrea von dem heißen Tag und der vielen Arbeit todmüde war, konnte sie lange nicht einschlafen. In ihrem Kopf fuhren die Gedanken Karussell.
   Es war ein Tag voller Überraschungen gewesen. Der neue Pickup-Truck, das original deutsche Abendbrot - am Besten war jedoch der Trip mit Craig auf seinem Hausboot gewesen. Andrea nahm sich vor, sich von nun an öfters mal am Beach sehen zu lassen. Bestimmt traf sie ihn dort. Sie wollte unbedingt herausfinden, was zwischen ihm und Kyla wirklich war.
  Vielleicht hatte sie doch Chancen bei ihm?

 

 

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