Auszüge
aus dem
Sechsten Kapitel

 
6
Die Nacht der Kojoten

 

   In der Nacht kam der von allen Bewohnern des Eagle Creek Valley so gefürchtete Wind auf. Mit aller Macht fegte er durch das Tal, peitschte das Wasser des Arrow Lake zu mächtigen Wellen auf, die donnernd gegen das felsige Ufer rollten und heulte schauerlich um das Farmhaus der Hartmanns. Hier klapperte es, dort schepperte es, und irgend etwas fiel polternd um.

  *****

   In das Heulen des Windes mischte sich jetzt noch ein anderes Heulen, das noch viel schauerlicher klang. Nicole bekam eine richtige Gänsehaut davon.
   Da waren sie wieder, die Kojoten!
   Nicole wusste, dass diese Tiere den Menschen normalerweise nichts taten. Sie holten sich aber gern Hühner und anderes Geflügel von den Farmen und frassen auch Katzen, wie Corrie von der Nachbarfarm ihr erzählt hatte. Doch ihr Heulen klang so schauerlich, dass man es automatisch mit der Angst zu tun bekam.
   Nicole nahm ihren ganzen Mut zusammen und stand vom Bett auf. Barfuß tappte sie zum Fenster. Als sie zu der großen alten Scheune hinüberblickte, über deren Dach der Mond stand, jagte es ihr einen richtigen Schauer über den Rücken. Die Kojoten mussten jetzt ganz in der Nähe sein.
   Und dann sah sie das Rudel hundeähnlicher Tiere, das schattenhaft am Weidezaun entlanghuschte! Einige der Kojoten verharrten einen Momentlang, schauten sich witternd um und verschwanden dann allesamt hinter der Scheune.

  *****

   Nicole atmete auf, als das Heulen und Jaulen sich in der Ferne verlor. Hier in Kanada gab es viele Dinge, die ihr Furcht einflößten und an die sie sich erst gewöhnen musste. Die Bären und Kojoten, die Pumas und die Stinktiere, und auch die schlimmen Gewitter in den Bergen.
   Und vor allem die Waldbrände! Zu Hause in Schwabach hatte man zwar auch immer wieder mal davon gehört, dass der Blitz irgendwo eingeschlagen und es gebrannt hatte, aber so riesige Feuer, die außer Kontrolle gerieten und die keiner mehr löschen konnte, hatte es da nie gegeben.
   Nicole blieb noch eine ganze Weile am Fenster stehen und blickte hinauf zu den Sternen. Es waren unwahrscheinlich viele, die man sehen konnte, ein richtiges Sternenmeer. Hier am Arrow Lake war die Luft klar und sauber, und es gab auch keine Stadt in der Nähe, deren Lichter es unmöglich machten, einen richtigen Sternenhimmel zu erleben.
   Plötzlich bekam Nicole wieder so starke Sehnsucht nach Deutschland, nach ihren Großeltern und ihren Freundinnen, dass ihr die Tränen kamen. Im Gegensatz zu ihren Eltern und Geschwistern war sie von der Idee, nach Kanada auszuwandern, nie so begeistert gewesen. Viel lieber wäre sie in Schwabach wohnen geblieben. Nun war sie hier in einem großen fremden Land, fürchtete sich manchmal zu Tode und musste vor Heimweh oft weinen. Nie mehr würde sie mit Oma und Opa Weihnachten feiern oder mit ihren Freundinnen ins Parkbad gehen!

  *****

   Nicole drehte sich auf die Seite. Fest presste sie ihr Plüschäffchen an sich, das sie schon seit ihrem siebten Geburtstag hatte und das schon ganz abgenutzt war. Sie versuchte einzuschlafen und nicht mehr an Kojoten, Waldbrände und Heimweh nach Deutschland zu denken. Doch es war schwer. Vor allem die Sehnsucht nach Schwabach und nach ihrem Leben dort war jetzt ganz stark in ihr. Im Geist hörte sie den Glockenschlag der Stadtkirche. Glockenläuten hatte sie immer gern gehört, und sie war auch gern in die Kirche gegangen. Da war ihr immer ganz feierlich zumute gewesen. Hier war alles anders. In Eagle Creek gab es zwar eine alte Holzkirche, aber keine schönen Glocken. Und was der Pfarrer am Sonntag bei der Predigt sagte, konnte sie auch nicht verstehen.
   Nicole faltete die Hände zum Gebet. Lieber Gott, nun schlaf ich ein, schicke mir ein Engelein, dass es treulich bei mir wacht, in der langen dunklen Nacht. Amen.
   Nach dem Gebet fühlte Nicole sich ein bisschen besser. Trotzdem lag sie noch lange wach. Sie konnte einfach nicht mehr einschlafen. Der Mond war jetzt wieder verschwunden, und es war vollkommen dunkel draussen. Zu Hause in Schwabach war immer ein freundlicher Lichtschein gewesen, der sie in ihre Träume begleitet hatte. Hier aber waren die Nächte oft stockdunkel und voller unheimlicher Geräusche.
   Irgendwann fiel Nicole dann doch in einen unruhigen Schlaf. Wirre Träume quälten sie, in denen sie von blutdürstigen Kojoten mit roten Feueraugen verfolgt wurde.

  *****

   Mitten in der Nacht wachte sie abermals auf. Erst glaubte sie, dass sie das neuerliche Heulen der Kojoten nur geträumt hatte. Doch dann merkte sie, dass es Wirklichkeit war.
   Sie waren zurückgekommen! Was sie auf ihrer Farm nur wollten? Die Hühner waren alle in ihrem Stall, da konnten die Kojoten nicht rein. Und Mickey ... war er im Haus? Nein, bestimmt nicht. Das hatten die Eltern nicht so gern, wegen der Katzenhaare. Deshalb musste er draußen bleiben. Wahrscheinlich jagte er in der Scheune den Mäusen nach. Ob er sich vor den Kojoten noch rechtzeitig verstecken hatte können?
   In ihrer Sorge um Mickey vergaß Nicole, wie wütend ihre Schwester werden konnte, wenn man sie aufweckte.
   "Andrea!", rief sie unterdrückt. "Die Kojoten sind wieder da!"
   "Na und!", kam prompt die Antwort. Andrea war vom Heulen der Kojoten also bereits wach geworden.
Nicole hörte, wie die Schwester aufstand und zum Fenster ging. Licht machte sie dabei nicht an. Dann stieß Andrea plötzlich einen lauten Schrei aus.    "Oh my God!" Es klang so voller Angst und Verzweiflung, dass Nicole förmlich das Herz stehen blieb.
   "W-was ist denn, Andrea?" Ihre Beine zitterten richtig, als sie aufstand und zum Fenster lief.
   Ganz fassungslos standen die beiden Schwestern da und schauten hinüber zu den Bergen hinter dem See. So etwas hatten sie noch nie gesehen! Der ganze Himmel war glutrot erleuchtet. Aber nicht etwa, weil der Morgen graute und die Sonne sich zum Aufgehen anschickte, sondern von den Feuern!
   Der ganze Himmel schien zu brennen, mitten in der dunklen Nacht! Aus den schwarzen Qualmwolken, die tagsüber hinter den Bergen aufgestiegen waren, war ein bedrohliches Flammenmeer geworden.
   Nicole fing zu weinen an. "Was sollen wir machen? Andrea, ich hab solche Angst!"
   Nun tat Andrea die kleine Schwester doch Leid. Sie verstand, wie ihr zumute war, denn sie bekam es jetzt selbst mit der Angst zu tun. Sie legte Nicole den Arm um die Schultern und drückte sie tröstend an sich.
   "Machen können wir im Moment gar nichts", sagte sie ganz heiser.
   Noch während sie am Fenster standen und auf das Inferno über dem See schauten, hörten sie aus dem Hühnerstall lautes, aufgeregtes Gackern. Dann krachte ein Schuss.
   Nicole schrie laut auf. "Andrea!" Voller Angst klammerte sie sich an ihre große Schwester.

  *****

   "Hey, wird man hier vielleicht mal darüber informiert, was in Haus und Hof mitten in der Nacht vor sich geht?" rief Holger ungeduldig aus seinem Zimmer, dessen Tür offenstand.
   Andrea lief zu ihm und berichtete, was sie von ihrer Mutter wusste. "Mehr weiß Mama im Moment auch nicht."
   In diesem Augenblick krachte draußen ein weiterer Schuss. Andrea merkte, wie Holger vor Schreck zusammenzuckte. "Keine Angst", sagte sie tröstend. "Das ist eben Wildnis pur. Feuer und Kojoten und Schüsse mitten in der Nacht. Wir werden schon mit allem fertig werden."
   Ihr, ja!, dachte Holger bei sich. Plötzlich fühlte er sich wieder ganz niedergeschlagen und verzweifelt. Und ich Krüppel kann nur immer nur tatenlos daliegen! Was ist, wenn wir evakuiert werden müssen? Dann bin ich für euch bloß eine Last. Besser, ihr lasst mich hier zurück und im Feuer umkommen! Das ist für uns alle das Beste! Doch er behielt seine Gedanken für sich und sprach sie nicht aus. Er wusste auch, dass sie nicht Recht waren. Aber genau so war ihm in diesem Augenblick ums Herz.

 

 

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