Auszüge
aus dem
Siebten Kapitel

 
7
Neue Aufregungen

 

   In diesem Moment wurde die Musik im Radio unterbrochen. Alle paar Minuten gab man wichtige Meldungen wegen der Feuer durch.
   "Psst!", machte Holger und hob die Hand.
   Aufmerksam hörten Renate und die Kinder zu, was der Nachrichtensprecher sagte. Der Sturm in der Nacht hatte auch in anderen Gegenden bewirkt, dass die Waldbrände, die man mühsam unter Kontrolle gebracht hatte, sich wieder weiter ausgebreitet hatten. Am schlimmsten war nach wie vor die Gegend um Eagle Creek betroffen.
   " ... es nicht gelingt, das Deer Park-Feuer einzudämmen, wird es in wenigen Tagen den Ort Eagle Creek erreicht haben. Vorbereitungen zur Evakuierung des gesamten Tals werden bereits von den Behörden getroffen ...", sagte die Stimme im Radio gerade.
   "Mist!" Holger war ganz blass geworden. Michael spielte nervös mit seinem Besteck.
   Andrea kaute auf ihrer Unterlippe herum. Es war also so weit! Oder zumindest beinahe. "Was sollen wir jetzt tun?" Bang schaute sie von einem zum anderen.
   "Tun können wir nicht viel, außer abwarten, was die Behörden entscheiden und alles Nötige bereithalten für den Fall, dass wir evakuiert werden", sagte Renate. Sie stellte die restlichen Sachen für das Frühstück auf den Tisch und rührte dann in dem Topf, der auf dem Herd stand.

*****

   Von der Tür her kam ein schriller Schrei, der alle zusammenfahren ließ. "Der Papa hat die Gundi erschossen?" Nicole startete ein lautes Heulkonzert.
   "Doch nicht mit Absicht", versuchte ihre Mutter zu beschwichtigen, und ihr Vater erklärte, wie das Malheur passiert war. Er hatte die Hühner vor den Kojoten retten wollen, von denen sich einer unter dem Maschendrahtzaun durchgebuddelt hatte und in den Hühnerstall eingedrungen war. Er hatte auf ihn geschossen und ihn auch erwischt, aber eben leider auch ein Huhn.
   Mit Trauermiene kam Nicole an den Tisch getappt. Sie nahm sich das Versehen schwer zu Herzen. "Mag nichts", schniefte sie, als ihre Mutter eine Schüssel mit Cornflakes vor sie hinstellte, die sie sonst immer zum Frühstück aß.
   "Es tut mir wirklich leid, Nickilein", sagte ihr Vater bekümmert. "Sag mir, womit ich das wieder gutmachen kann."
   "Ach, Papa …" Nicole lief zu ihm, legte ihre Arme um ihn und schluchzte in seinen Hemdkragen.

*****

   "Ich will die arme Gundi beerdigen", sagte Nicole. "Drüben auf dem Hügel beim Rosenbusch. Da gefällt's ihr bestimmt."
   Michael begann zu husten, Holger versuchte verzweifelt einen Lachanfall zu unterdrücken und Richard verschluckte sich beinahe an seinem Kaffee.
   "Liebling, das geht leider nicht", versuchte Renate ihrer Jüngsten schonend beizubringen. Sie schaute selbst ganz unglücklich drein, weil sie nicht wusste, wie sie es anpacken sollte. Es war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen, Gundi in den Suppentopf wandern zu lassen! Lieber hätten sie das Huhn verschwinden lassen und irgendeine andere Story erfinden sollen. Aber jetzt war es zu spät dazu. Renate fiel auf die Schnelle nichts anderes ein, also blieb ihr nur die Wahrheit.
   "Warum geht das nicht? Wo ist die Gundi?" Mit großen Augen schaute Nicole von einem zum anderen. Was sie nur alle hatten? "Haben die Kojoten sie aufgefressen?"
   "Die Kojoten nicht, aber wir werden sie auffressen", nahm Michael seiner Mutter die schwierige Aufgabe auf seine Weise ab. "Zum Mittagessen nämlich." Er deutete zum Herd hinüber, wo der Suppentopf leckere Düfte verströmte.
   Es dauerte einen Moment, bis Nicole kapierte. Mit einem Schrei ließ sie ihren Löffel in die Cornflakes platschen und schoss vom Stuhl hoch.
   "Ich ess nix davon!", schrie sie ganz außer sich. "Keinen Bissen ess ich von der Gundi!" Laut heulend stürzte sie aus der Küche.
   "Brauchst du auch nicht, Mäuschen!", rief Renate ihr nach. Sie bat Nicole, wieder zurückzukommen und ihre Cornflakes aufzuessen, doch es war vergeblich.

 

 

zurück zum sechsten Kapitel                               zurück zur Hauptseite

 

 

zurück zur Startseite