Auszüge
aus dem
zweiten Band

 

Das erste Wildnisabenteuer

   Nach ein paar Kilometern kamen sie an mehrere Abzweigungen. Richard bremste ab und hielt an.
   "Da haben wir schon die Bescherung", sagte er. "Drei Straßen zur Auswahl, aber keine Schilder. Da soll man wohl riechen können, wo sie hinführen."
   "Immer den Kilometerzeichen nach, das ist die Hauptstrasse", erklärte Michael. "Die anderen sind meistens nur Seitenstraßen, die in die Abholzgebiete führen."
   "Kilometerzeichen?" Fragend schaute Andrea sich um.
   "Die kleinen roten Schilder an den Bäumen mit der weißen Zahl drauf. Gerade sind wir an einem vorbeigefahren. Ich hab nur nicht gesehen, welche Zahl drauf stand."
   "Acht!", rief Nicole. "Ich hab's genau gesehen. Ich hab nur nicht gewusst, was die Schilder bedeuten."
   "Und was genau bedeuten sie?", wollte Holger wissen, dem die Zeichen auch schon aufgefallen waren.
   "Sie sind für die Loggingtruck-Fahrer", erklärte Michael. "Auf den Waldstraßen gibt es oft Stellen, die gefährlich und zu schmal für zwei so riesige Holzlaster sind. Deshalb gibt man über Funk durch, welchen Kilometer man gerade passiert, und falls einer entgegenkommt, kann man rechtzeitig ausweichen."
   "Nicht schlecht organisiert", meinte Richard. "Vielleicht sollten wir uns auch ein Funkgerät einbauen. Dann brauchen wir nicht zu befürchten, einem Logging-Truck in die Quere zu kommen, weil wir immer wissen, wo sich gerade einer befindet."
   "Die Kilometerzeichen sind aber nur auf den Hauptstraßen", sagte Michael. "Es gibt viele Nebenstraßen, an denen keine sind."
   "Hauptstraßen!", wiederholte Andrea und lachte. "In Deutschland würde niemand sowas überhaupt als Straße bezeichnen."
   "Ein Funkgerät im Auto wäre auch sonst eine gute Idee", warf Renate ein. "Vor allem, wenn wir vorhaben, öfters mal einen Ausflug in die Wildnis zu machen. Man kann nie wissen, was passiert."
   Der Meinung waren auch die restlichen Familienmitglieder. Richard wollte sich bei nächster Gelegenheit nach einem solchen Funkgerät umsehen.
  "Die Kilometerzeichen geben aber auch an, wie weit es noch bis zum nächsten Highway beziehungsweise Holzlagerplatz ist", kam Michael noch einmal auf die kleinen roten Schildchen zurück. "Wir sind hier acht Kilometer vom Eagle Valley Highway entfernt. Die Kilometerzeichen enden im Abholzgebiet. In die andere Richtung gehen sie dann weiter, zum Beispiel mit der Zahl 110 und enden dann mit 0 in Grand Forks."
   "Du kennst dich ja schon recht gut aus, Micha", lobte Renate.
   "Das ist auch nicht verkehrt, wenn er einmal Forstwirtschaft studieren will", meinte Richard.
   Es war schön hier oben. Sie mussten schon ziemlich hoch sein, denn die Bäume waren hier kleiner und vom rauhen Wetter verkrüppelt. Ganz andere Pflanzen wuchsen hier als unten im Tal. Es war schon eine richtig alpine Pflanzenwelt. Einige Male bat Renate anzuhalten, damit sie sich verschiedene Blumen und Sträucher aus der Nähe ansehen konnte. Sie interessierte sich sehr für Pflanzen, vor allem für Heilpflanzen.
   Die Straße führte nun in eine andere Richtung weiter. Vom Arrow Lake war nichts mehr zu sehen. Rechterhand tat sich ein neues Tal mit neuen Bergen im Hintergrund auf.
   "Das müsste die Richtung von Kelowna sein", bemerkte Richard.
   "Könnte stimmen", bestätigte Holger, der sich am Stand der Sonne und anhand der topografischen Landkarte, die sie sich von ihrer Gegend zugelegt hatten, orientiert hatte.
   Nach einer Weile wurde die Straße so schmal, dass sie alle bezweifelten, noch richtig zu sein.
   "Wo sind überhaupt diese Kilometerzeichen hingekommen?" Holger war es als Erstem aufgefallen, dass sie jetzt verschwunden waren.
   "Ich hab auch schon lange keins mehr gesehen", sagte Andrea unbehaglich.
   "War denn hier irgendwo eine Abzweigung?" Renate schaute sich nach allen Seiten um. Die anderen schüttelten die Köpfe. Nein, keinem von ihnen war eine Abzweigung aufgefallen, sonst hätten sie schon darauf hingewiesen.
   "Hier sind auch gar keine Bäume mehr, wo sie Schilder dranmachen hätten können", sagte Nicole.
   "Stimmt." Michael drehte sich zu ihr um und nickte. "Deshalb malen sie die Kilometerzahl auch manchmal auf Steine am Wegrand. Da haben wir natürlich nicht drauf geachtet. Wenn die Straße durch übersichtliches Gebiet führt wie hier, dann braucht man eigentlich auch gar keine Schilder. Man kann schon von Weitem sehen, ob etwas entgegenkommt."
   "Diese Straße sieht mir nicht danach aus, als würde sie noch von Logging-Trucks benützt", meinte Richard zweifelnd. "Ich habe eher das Gefühl, dass hier schon lange niemand mehr gefahren ist."
   "Haben wir uns verfahren?", fragte Nicole ängstlich.
   "Sollen wir nicht lieber umkehren?", sorgte Renate sich.
  Michael deutete nach vorn. "Dort ist wieder Wald. Fahren wir noch bis dorthin. Da sind vielleicht auch wieder Schilder."
   "Okay, ein kleines Stück noch", willigte Richard ein. "Immerhin wollten wir ja die Gegend erkunden. Aber die Hauptstraße ist das hier ganz bestimmt nicht mehr. Die müssen wir irgendwo verpasst haben."
   Das konnten die anderen sich zwar nicht recht vorstellen, da sie doch alle aufgepasst hatten, aber sie sahen auch ein, dass Papa Recht hatte. Das hier war mit Sicherheit nicht mehr die Caribou Creek Forest Service Road.
   Der Weg - Straße konnte man jetzt wirklich nicht mehr sagen - führte jetzt in einen dichten Wald hinein. Dort wurde er so schmal, dass die Zweige der Bäume mit lauten Quietschen an beiden Seiten des Trucks entlangschrammten. Andrea verzog bei dem Geräusch das Gesicht, als hätte sie unversehens Zahnweh bekommen.
   "Autsch, Dad! Der schöne Lack!", rief sie.
   Ihr Vater zuckte nur gleichmütig mit den Schultern. "Dieser Truck ist als Buschfahrzeug gedacht, nicht als Stadtlimousine", meinte er. "Der schöne Lack wird sich noch an jede Menge Schrammen und Beulen gewöhnen müssen." Und die restlichen Familienmitglieder fanden, dass dies die richtige Einstellung war.
   "Richtig wildromantisch ist es hier", sagte Renate. "Wie im Märchenwald."
   Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als Richard ohne Vorwarnung auf die Bremse trat. Sie waren gerade um eine Biegung gefahren und standen nun plötzlich vor einem steinigen Wildbach. Die Überreste einer alten Holzbrücke lagen im Gebüsch.
   "Na, das wär's dann wohl", meinte er. "Jetzt brauchen wir uns keine Gedanken mehr darüber zu machen, wo der Weg weiter hingeht."
   "Come on, Dad! Da kommen wir doch durch", rief Andrea. Und auch Michael meinte, dass es mit dem Pickup-Truck mühelos zu schaffen wäre. Sehr viel Wasser führte der Bach auch nicht. Man musste nur den großen Steinen ausweichen.
   "Dort hindurch?" Renate schien der Gedanke geradezu zu entsetzen. "Richard, mach bitte keine Dummheiten! Wenn wir hier steckenbleiben, können wir den ganzen Weg zurücklaufen!"
   "Mann, jetzt weiß ich, wo wir sind!", rief Michael. "Das ist der Weg zum Caribou Lake. Da müssen wir unbedingt hinfahren, Papa. Es ist nicht mehr weit von hier. Dort ist auch einer von diesen kleinen Campingplätzen, die der Forstbezirk an besonders schönen Plätzen angelegt hat. Und Elche gibt es dort auch!"
   "Hmm." Richard musste zugeben, dass es ihn ungemein reizte, durch diesen Wildbach zu fahren. Wozu hatte er diesen Allrad-Truck auch angeschafft? Dass sie trotzdem beim geringsten Hindernis wieder umkehren mussten? Nein, das war nicht Sinn und Zweck der Sache!
   Er öffnete die Fahrertür und stieg aus, um die Lage zu checken. Auf Mamas beschwörende Worte, die sie ihm nachrief, achtete er nicht.
   Er trat an den Rand des Baches. Auch Michael, Andrea und Nicole kamen aus dem Truck. geklettert.
   "Nicht viel Wasser drin, aber eine steile Böschung auf beiden Seiten", stellte Michael fest.
   "Ist aber bestimmt leicht zu schaffen. Ich bin da mal mit Jeff und seinem Vater durch, deshalb weiß ich, dass es hier zum Caribou Lake geht. Jeffs Vater hat an dieser Stelle nicht mal richtig abgebremst. Der ist einfach durchgebraust."
   "Was du da wieder für Geschichten erzählst, mein Sohn!" Richard warf seinem Ältesten einen schiefen Blick zu.
   "Stimmt echt, Paps", behauptete Michael. "Nun mach schon, fahr die Kiste rüber. Wenn du dich nicht traust, fahr ich." Jeff hatte ihn schon ein paar Mal ans Steuer seines Jeep gelassen und ihm gezeigt, wie man damit umging.
   "Lieber nicht, Micha", wehrte sein Vater ab. "Aber ich werde mich auf dein Urteil verlassen und die 'Kiste' rüberfahren. Also, steigt wieder ein, Kinder."
   "Juhuh, wir fahren rüber!" Nicole rannte zurück zum Truck. Auch wenn sie sonst ein Angsthase war, für Abenteuer war sie trotzdem immer zu haben. Auch Andrea fand den Trip abenteuerlich und wollte auf keinen Fall zurück.
   "Ich warte drüben auf der anderen Seite und dirigiere dich, Paps." Michael durchquerte schon den Bach, indem er von einem Steinbrocken auf den anderen sprang. Die Mädchen waren wieder in den Truck gestiegen.
   Renate war alles andere als begeistert, als sie hörte, dass Richard tatsächlich durch den Bach fahren wollte. Sie dachte an Holger. Was war, wenn sie steckenblieben oder einen Achsbruch hatten oder dergleichen? Zur Not konnten sie in den Ort zurück laufen. Die zehn, zwölf Kilometer, die sie gefahren waren, würden sie schon schaffen. Aber nicht mit Holger! Sie hatten nicht einmal seinen Rollstuhl dabei. Doch sie sagte nichts. Papa war so aufgeregt wie ein kleiner Junge, da wollte sie ihm die Freude nicht verderben. Hoffentlich ging alles gut!
   Vorsichtig manövrierte Richard den Truck die kurze, jedoch steile Böschung hinunter. Dabei stellte er fest, dass der Bach doch mehr Wasser führte als es von oben aus den Anschein gehabt hatte. Als er dann noch die großen Steinbrocken im Wasser sah, wurde ihm doch ein wenig mulmig zumute.
   "Richard, fahr nicht da durch! Lass uns umkehren", konnte Renate sich nun doch nicht mehr zurückhalten. Ihre Stimme klang ganz hektisch vor Nervosität.
   Richard schwankte einen Moment lang. Sollte er durchfahren, oder doch lieber wieder zurück? Auf der anderen Seite stand Michael und machte Handzeichen, dass er sich etwas rechts halten sollte. "Keine Angst, Reni, das schaffen wir schon", beruhigte er sie und gab Gas.
   Es war wohl etwas zu viel Gas gewesen. Der Truck schoss mit einem Satz ins Wasser. Es gab ein lautes Zischen, dann einen heftigen Ruck, dann war der Motor abgewürgt.

   "Hab ich's doch gewusst!", schimpfte Renate. Sie war wirklich ärgerlich auf Papa, weil er so unvernünftig war.
   Um sie herum qualmte es. Doch dann stellte sich zum Glück heraus, dass es nur Dampf vom heißen Auspuff war, der mit dem Wasser in Berührung gekommen war.
   Richard warf den Motor wieder an. Auch er war jetzt nervös geworden. Wieder gab er Gas, um die Böschung auf der anderen Seite zu schaffen, doch die Räder drehten nur durch.
   Richard fluchte und gebrauchte dabei Worte, die er in Gegenwart der Kinder normalerweise nicht in den Mund nahm. Renate machte ein gequältes Gesicht, und Andrea verbiss sich ein Grinsen. Holger kurbelte das Fenster weiter herunter und steckte seinen Kopf hinaus. Wow, da saßen sie ja ganz schön fest! Aber er hatte deswegen keine Angst. Er fand alles super. Den Trip, den sie unternahmen, die Gegend, durch die sie fuhren, und auch, dass sie in diesem Bach steckengeblieben waren. So konnte er wenigstens auch einmal ein kleines Abenteuer erleben. An die damit verbundenen Konsequenzen wollte er jetzt nicht denken.
   "Papa, was machen wir jetzt?", jammerte Nicole.
   "Versuchen, die Nerven zu bewahren und uns aus dieser Situation zu befreien", sagte Richard und gab wieder Gas. Doch nur wieder mit dem gleichen Erfolg, dass die Räder durchdrehten.

 


Old Bill und Häuptling Thunder Cloud

  

 

Kapitelübersicht

1. Das Leben geht weiter

2. Wieder zu Hause

3. Das erste Wildnisabenteuer

4. Old Bill und Häuptling Thunder Cloud

5. Eine freche Ziege namens Hilda

6. Andrea's nächtliches Abenteuer

7. Der verlorene Talisman

8. Eine verhängnisvolle Strandparty

9. Dicke Luft zu Hause

10. Ein neuer Schulanfang

11. Hilfe - wir sind auf den Hund gekommen!

 

 

über Grüße in meinem Gästebuch würde ich mich sehr freuen

 

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